Wissensort Gärtnerei

1

Im alten Steinmetzhaus
kritische Tuchfühlung
zwischen jungen und alten Menschen
geflüchteten und denen, die schon immer da sind aber
„Du kannst dich nicht selbst auf den Rücken küssen
und auch nicht alle Dinge sagen“
heißt ein Sprichwort der Oromo,
eine Volksgruppe, die in Äthiopien und im Norden Kenias lebt
klar, sie waren ja zu erwarten, Missverständnisse und Konflikte, in der Gärtnerei
dennoch:
Der Mensch ist die beste Medizin des Menschen, weiß man in Nigeria

und ich glaube es ihnen

2

Flucht erzeugt Radikalität

und jetzt gärtnern

wo doch alles funkelt

und glänzt, in der Welt

der anderen

die auch meine werden soll?

neue Verheißung im Land des Wohlstands

erfolgreich

sieht ganz anders aus

es sollte doch alles besser werden

und jetzt zurück zur Erde?

die nicht meine ist

sondern ihre

wühlen

im Garten

Unzufriedenheit wächst sich ein

zwischen auch haben wollen und sein

im Streben nach Wohlstand

und jetzt zur Gartenarbeit verdonnert

ich bin auch nur ein Konsument unter vielen

auf der ganzen Welt

auf der Handys doch viel cooler sind, als ein Spaten

und Geld, Geld, Geld nötig ist, um mitspielen zu können

und keine Blumen

denn seid ehrlich, wer von Euch anderen

macht sich die Hände schon schmutzig?

3

Hülle und Fülle

es ist eine Frage der Perspektive

weil in Deutschland der Mais aus der Dose kommt

die Felder am Stadtrand sind längst vergessen

in Afrika sieht das Leben ganz anders aus

und so wächst sich die Frage nach dem Sinn

durch das Gras

in den Garten

in die Entscheidung

was gepflanzt werden soll

Mais sagen die Afrikaner

Blumen erwarten die Europäer

Verständnislosigkeit auf beiden Seiten

wie ticken die?

die ticken ganz anders

und die Frage nach der Sinnhaftigkeit wächst sich

durch das Gras

in den Garten

weil eine Anpflanzung doch einen Nutzen bringen muss

mit Ziel und Zweck

Anmut ist nicht so wichtig, wenn der Hunger

sich durch den Körper und Geist frisst

aber die Nachbarn in Neukölln kommen gerade vom Essen

und wissen gar nicht

was sie mit dem Mais auf dem Friedhofsfeld anfangen sollen

sie möchten Blumen in Hülle und Fülle

Dosenmais gibt es im Supermarkt

49 Cent das Stück

 

Texte aus: „17 Gedichte zur Gärtnerei“, 2018

Geschichte: Die Gärtnerei war ein experimenteller, künstlerischer Gartenbetrieb. Es gab ein Projektzentrum auf dem Brachgelände am westlichen Rand des Jerusalemer Friedhofs, mitten in Berlin Neukölln. Junge, geflüchtete Menschen und Nachbarn, Jugendliche aus nahen Jugendzentren, Azubis und Student*innen arbeiteten mit nationalen und internationalen Künstler*innen. Dabei trafen bei den partizipativen Prozessen afrikanische und europäische Kulturvorstellungen aufeinander, und befruchten sich wechselseitig.

http://www.schlesische27.de/s27/wp-content/uploads/2017/04/Dokumentation_Gaertnerei_web.pdf

Projektpartner*innen: Kunsthaus Schlesische27 // Kulturstiftung des Bundes // Raumlabor // DER PARITÄTISCHE